Zum Tod eines langjährigen Vorstandsmitgliedes der IG Sozialhilfe

ig_header.pngDieser Nachruf ergibt auch Einblick in den Alltag der IG Sozialhilfe in die Zeit wo Gassenleute, die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen waren, von der IG Sozialhilfe begleitet wurden.

  1. ist am 21. Dezember 2015 friedlich in seinem Bett zu Hause für immer eingeschlafen. Nach langer, schwerer Krankheit konnte er im Beisein seiner Lebenspartnerin aus dem Leben gehen, wie er es sich wünschte.

Auf dem Platzspitz lernte ich H. kennen, wo ich als Krankenschwester arbeitete. Er und seine Freundin filterleten Tag und Nacht, nachher am Letten.[1] Filterlen beinhaltet, für andere DrogenkonsumentInnen sämtliche Utensilien parat zu machen, damit diese sich den Stoff fixen oder fixen lassen können. Dafür bekamen die Filterlileute den Filter, den sie aufkochten und sich daraus Abfall-Dope beschafften. Sie erlitten wie die anderen viel Polizeirepression: Morgens weckten sie die Tritte der Polizei, fast täglich Razzien; die Polizei hatte nichts Besseres zu tun, als den Filterlileuten ihre Tische zusammenzuschlagen.

Begegnung im Gassenzimmer Urania

Nach der Schliessung des Platzspitzes, 1992, eröffneten die Sozialwerke Pfarrer Sieber das erste Gassenzimmer in Zürich, wo konsumiert werden durfte. Als ich dort zu arbeiten begann, 1993, traf ich H. wieder. Er stand hinter der Theke und arbeitete als Gassenmitarbeiter. Es wurde eisig kalt in diesem Winter. H und seine Freundin waren obdachlos. Es tat uns Mitarbeiterinnen weh zu wissen, dass sie draussen schlafen mussten. Und so geschah es: Zufälligerweise wurde jeden Abend der Stubencontainer nicht abgeschlossen, sodass die beiden zufälligerweise rein konnten. Am Morgen zogen sie leise ab. Eines Tages kam eine Meldung von unserem Vorgesetzten, zwei Gestalten seien am Morgen gesichtet worden. Die Teamleiterin klärte den Fall auf: Ein Teammitglied sei beauftragt gewesen, zu kontrollieren, dass keine Unbefugten ins Areal kämen. So deckte sie H. und seine Freundin.

Begegnung bei der Beratungsstelle der IG Sozialhilfe

1998 eröffnete ich die erste Beratungsstelle der IG Sozialhilfe. Mit grossem, zügigen Schritt und gesenktem Blick schritt H. an der Beratungsstelle vorbei. Ich sah ihn und begrüsste ihn und er sagte leise, dass vor über einem Jahr  seine Freundin gestorben sei. Tränen schossen in seine Augen. Dies war im Dezember 2001. Er war obdachlos, seine IV-Rente sistiert. Nach dieser Begegnung gingen wir seine Probleme gemeinsam an. Die IG mietete vorerst ein Zimmer, gegen die Obdachlosigkeit und damit er einen Wohnsitz begründen konnte. Ohne Wohnsitz keine Sozialleistungen! So konnte ich seine IV-Rente und Ergänzungsleistungen wieder beantragen. Im Sommer 2002 konnte er in eine 1 ½-Zimmer-Wohnung und einige Jahre später mit seiner neuen Partnerin in eine grössere Wohnung zügeln.

Kindheit: Herumgeschoben wie ein Paket

  1. interessierte sich sehr für die IG und fing an mitzuarbeiten. Mehrmals wöchentlich arbeiteten wir miteinander im IG-Büro. Dabei fing H. an, von seiner Kindheit zu erzählen: Er wurde in Bayern geboren und lebte lange Jahre bei seiner Grossmutter. Sein Vater war unbekannt. Schon als kleines Kind war er tagsüber allein zu Hause, wenn die Grossmutter arbeiten ging. Weil er sich sehr fürchtete allein zu sein, schaute er viel TV. Dies machte ihm wiederum Angst, sodass er sich zitternd unter dem Stubentisch versteckt hielt, den TV nicht abstellen konnte, bis seine Grossmutter kam.

Misshandlungen

Mit knapp 13 Jahren siedelte er von Bayern in die Schweiz zu seiner Mutter über, sie hatte inzwischen ein Baby. In der Schule wurde er ausgelacht und geplagt. Zu Hause war es die Hölle: Er durfte kaum raus, musste ständig putzen. Seine kleine Schwester schrie viel. Sie tat ihm leid. So ging er mit ihr im Kinderwagen spazieren. Die Mutter schimpfte ihn aus und prügelte ihn. Manchmal verschwand sie in eine Kneipe, so war er für seine Schwester zuständig. Völlig erschöpft schlief er oft in der Schule ein, für Hausaufgaben hatte er keine Zeit.

Rennen war seine Leidenschaft, der Sport ein Lichtblick, er war einer der besten. Eines Tages strafte die Mutter ihn: Er durfte nicht mehr ins Training.  Schlimmer als die ständige Prügel, die übermässige Hausarbeit waren für ihn die psychischen Strafen: Es geschah, dass die Mutter tagelang nicht mit ihm sprach und tat, als ob es ihn gar nicht gäbe. Er erzählte mir: „Meine Mutter verlangte von mir, dass ich mit ihr Weinflaschen aus dem Keller des Nachbars hole. Ich war dünn und flink, sodass ich über die Kellerlatten klettern konnte. Sie nahm die Weinflaschen, die ich herausholte entgegen. Kurze Zeit später gab es Aufruhr im Haus: Die Polizei war da. Niemand gab den Diebstahl zu, alle zeigten auf mich. Meine Mutter sagte kein Wort. Die Polizei fesselte mich und führte mich ab und meine Mutter fing an, wie die anderen Hausbewohner über mich herzu ziehen, was ich doch für ein böser Junge sei.“ Danach kam H. ins Heim

IG-Mitarbeiter und Vorstandsmitglied

  1. wurde zum tatkräftigen Mitarbeiter, sodass er IG-Mitglied wurde. Er holte die Post, machte Versände, bereitete die Zahlungen vor. Mit der Schweigepflicht nahm er es sehr genau, sodass er auch Akten kopierte.

Nach einem weiteren Jahr wählten ihn die Mitglieder in den Vorstand. Er nahm regelmässig an den Arbeits- und Vorstandssitzungen teil. Er machte sich viele Gedanken und äusserte sich überlegt. Ich erinnere mich, wie er sich dafür einsetzte, dass wir die Tischlein deck dich-Bezugskarte abgeben.

Krankenpflege

Im Jahr 2004 unterstützte er mich in der Betreuung. Sein schwer erkrankter Kollege, der auch durch die IG betreut wurde, war zu Hause völlig überfordert. H. kam mit auf Hausbesuch und half. Die Krankheit verschlimmerte sich, sodass der Todkranke nicht mehr zu Hause leben konnte. Unter keinen Umständen wollte er in den Sune-Egge, das Spital für Drogenabhängige. H. verstand dies bestens. Mit Müh und Not überzeugten wir ihn, ins edle Lighthouse einzutreten, wo wir ihn oft besuchten und ihm sein Taschengeld ins Zimmer brachten.

Im November 2004 kam ein Telefon, er sei aus dem Lighthouse rausgeworfen worden. Wir machten uns auf die Suche, fanden ihn und brachten ihn in unser Büro. Die Rückfrage beim Lighthouse ergab, dass ihm vorgeworfen wurde, er deale. Geld sei bei ihm gefunden worden. Er könne nicht zurück. H. und ich explodierten fast vor Wut. Das Geld, das sie bei ihm gefunden hatten, brachten wir ihm. Er war zu schwach, um auf die Gasse zu gehen. Was tun? Wir hielten Rat. Sein Zustand war schlecht, er konnte kaum noch gehen: Dem Sterben nahe und obdachlos! H. anerbot sich, in der Pflege mitzuhelfen und ihn jeweils aufs WC zu begleiten und vieles mehr. Dafür kam H. auch am Wochenende.

  1. wuchs über sich heraus

Zum 1. Dezember, dem Internationalen Aidstag, organisierten wir, die IG, eine Flugblattaktion vor dem Grossmünster, wo der Aidsgottesdienst abgehalten wurde. H. wurde an diesem Tag zum Aktivist, er überwand seine Scheu vor Menschen und verteilte Flugblätter, um gegen das Lighthouse und den Rauswurf zu protestieren. In den Medien behauptete das Lighthouse, der Patient sei gar nicht todkrank gewesen… Die Pflege überforderte uns. Der Mann war so schwach, dass er sich nicht mehr gegen den Sune-Egge wehren konnte. Täglich besuchten wir ihn, denn das Personal hatte keine Zeit, ihm das Essen einzugeben. Am 24. Dezember 2004, 23 Tage nach der Aidstag-Aktion der IG, verstarb er.

Klare Haltung

An einer IG-Sitzung diskutierten wir über Verding- und Heimkinder: Wie weit soll man Misshandelten Verständnis entgegenbringen, wenn selber schwer misshandelte Opfer zu Sexual- und Gewalttätern werden? H. vertrat klipp und klar die Meinung, es gebe keine Entschuldigung durch das erlittene Leid: „Was ich alles erleiden musste! Soll ich morden oder Frauen vergewaltigen? Nein, es liegt einfach absolut nicht drin. Es gibt keine Entschuldigung!“ Er überzeugte, er war Experte.

Bis ins Jahr 2008 arbeitete H. in der IG. Das Gehen fiel ihm zunehmend schwer, er wurde immer müder und konnte nicht mehr mitarbeiten. So trat er 2008 aus dem Vorstand aus. 2010 kam er im Rollstuhl an die Mitgliederversammlung.

Anfang 2009 stand endlich die Diagnose seiner Krankheit fest: Multiple Sklerose. Doch er verlor den Mut nie. Jammern oder klagen hörten wir ihn nie, obwohl er in seinen drei letzten Lebensjahren gelähmt war und nur noch mit der Spitex und dem Patientenheber sein Spitalbett zu Hause verlassen konnte.

Im Jahr 2014 wurde er als Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen anerkannt und bekam Unterstützung vom Soforthilfefond des Bundes.

Branka Goldstein

[1] Platzspitz, offene Drogenszene 1986-92, Letten 1990-1995.