Arbeit (fast) ohne Lohn: Für immer mehr Menschen eine Realität

BILD6Erwerbsarbeitslose und Sozialhilfebeziehende arbeiten im Rahmen von Arbeitsintegrationsmassnahmen gratis. Arbeit (fast) ohne Lohn betrifft aber auch SchulabgängerInnen, die keine Lehrstelle finden. Während die Wirtschaft dank billiger Arbeitskräfte ihre Profite erhöht, geraten die Betroffenen in eine Armutsspirale, aus der es kaum ein Entrinnen gibt.

Arbeit um jeden Preis zu jedem Preis

Seit den Neunzigerjahren müssen Erwerbsarbeitslose in der Schweiz im Rahmen sogenannter Arbeitsintegrationsmassnahmen für ihre ALV-, IV- oder Sozialhilfeleistungen arbeiten. Verweigern sie die Arbeit, riskieren sie Leistungskürzungen. Das können sich die meisten aber nicht leisten.

Arbeitsintegrationsprogramme werden von PolitikerInnen aller Couleur mit dem Argument angepriesen, sie würden Arbeit für Menschen ohne Arbeit schaffen. Das sei gut, weil Erwerbsarbeitslose damit eine Tagesstruktur hätten und sich zudem neue Kompetenzen aneigneten, die es ihnen ermöglichten, eine entlohnte Erwerbsarbeit zu finden. Dass die dauerhafte Integration bzw. die Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt in den meisten Fällen nicht gelingt, haben zahlreiche Studien mehr als genug gezeigt. Die Betroffenen sind nach ihrem Einsatz immer noch arm und erwerbslos, also keinen Schritt weiter in der vielgepriesenen Integration.

Für KritikerInnen von Arbeitsintegrationsmassnahmen geht es denn auch nicht darum, Arbeit für Menschen ohne Arbeit zu schaffen, sondern ein Arbeitskraftangebot – also Arbeiterinnen und Arbeiter – für Arbeit zu schaffen, die niemand freiwillig tun und/oder für die niemand bezahlen will.

Billige ArbeiterInnen für Wirtschaft und Verwaltung

Laut Schweiz am Sonntag vom 20. September 2014 gibt es in der Schweiz rund 400 Sozialfirmen, in denen etwa 10’000 entlohnte Angestellte rund 43’000 erwerbsarbeitslose Personen „betreuen“. Diese verrichten Arbeiten, von denen die Wirtschaft profitiert, die aber zu wenig Profit abwerfen würden, wenn man die Arbeiterinnen und Arbeiter dafür korrekt bezahlen müsste. Als Beispiel wird das Anstecken von Schweizer Steckern an elektronische Geräte aus dem EU-Raum genannt. Sozialfirmen müssen nur etwa die Hälfte ihres Aufwandes selber erwirtschaften. Der Rest kommt z.B. von Sozialämtern, die Sozialfirmen für die Beschäftigung von Sozialhilfebeziehenden bezahlen. Somit können Sozialfirmen Auftraggebern aus der Privatwirtschaft ihre Dienstleistungen und Waren zu sehr günstigen Konditionen anbieten.[1]

Hälfte-Redaktor Oswald Sigg berichtet in einem Artikel, der auch in der IG Zeitung Nr. 19 erschienen ist, von einer Sozialfirma, die im Auftrag der Swatch Group Erwerbsarbeitslose, Flüchtlinge und Sozialhilfebeziehende beschäftigt, die Uhrenteile entstauben. Für ihre Arbeit erhalten die Arbeiterinnen und Arbeiter 100 Franken im Monat zusätzlich zu ihren Sozialleistungen. Die Arbeit, die sie verrichten, ist für die Produktion der Uhren nötig. Müsste die Swatch Group – ein internationaler Grosskonzern, der 2013 einen Gewinn von 1,9 Milliarden Franken erzielt hatte – dafür Leute einstellen und bezahlen, würde sie an den Uhren weniger verdienen. Oder sie müsste die Produktion der Uhren in ein Land verlegen, in dem die Löhne tiefer sind als in der Schweiz. Mit dem Argument, dank der Sozialfirmen würden Arbeitsplätze in der Schweiz erhalten, wird das auf dem Rücken erwerbsarbeitsloser Personen betriebene Lohndumping gerechtfertigt. Dass die Betroffenen von ihrer Arbeit nicht leben und sich somit auch nicht aus der Armut befreien können, scheint nebensächlich zu sein.

Auch die öffentliche Verwaltung beschäftigt Personen ohne Lohn. Im Kanton Genf betraf das 2013 rund 3’300 ALV- und SozialhilfebezügerInnen, die durch ihre Gratisarbeit mithalfen, den Personalstopp des Kantons aufzufangen, indem sie z. B. Dokumente scannten.

SchulabgängerInnen bezahlen für Eintritt ins Arbeitsleben

Arbeit ohne Lohn betrifft immer mehr Menschen. So auch junge Erwachsene, die nach der obligatorischen Schule keine Lehrstelle finden. Schweiz am Sonntag berichtete am 15. August 2015 von Coop Pronto-Filialen, die für 30 Franken am Tag – einem umgerechneten Stundenlohn von 3.75 Franken – SchulabgängerInnen beschäftigen. Laut Aussagen von FilialleiterInnen brauchen die Jungen zwar ein paar Wochen, bis sie eingearbeitet sind, verrichten danach die Arbeit aber genauso gut und effizient wie vollbezahlte Angestellte. Coop Pronto nutzt die Situation junger Erwachsener, die keine Lehrstelle finden, schamlos aus und zieht aus dem massiven Lohnunterschied Gewinn. Im Gegensatz zu ALV-, IV- und Sozialhilfebeziehenden können die jungen Erwachsenen zwar nicht dazu gezwungen werden, diese ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse anzunehmen. Aber welche Wahl hat man als JugendlicheR ohne Lehrstelle, wenn man irgendwie doch noch den Sprung ins Erwerbsleben schaffen muss?

Wirtschaft profitiert

Die Wirtschaft profitiert von der immer grösser werdenden Anzahl an Personen, die keine Erwerbsarbeit finden. Diese werden zu billigen Arbeitskräften ohne Rechte. Erwerbsarbeitslose und Sozialhilfebeziehende werden dazu gezwungen, eine nichtexistenzsichernde und oft sinnentleerte Arbeit anzunehmen, wenn sie keine Leistungskürzungen riskieren wollen. Dies steht im krassen Widerspruch zur Idee einer sozialen und beruflichen Integration und eines menschenwürdigen Lebens.

Armutsbetroffene fordern echte Bildungschancen

In der Schweiz ist das Armutsrisiko besonders für Personen hoch, die über keine oder nur eine ungenügende Schul- und Berufsausbildung verfügen. Dies betrifft z.B. Personen, die aufgrund mangelnder schulischer und beruflicher Qualifikationen entweder gar keine Erwerbsarbeit oder aber nur im nicht existenzsichernden Niedriglohnsektor eine Anstellung finden. Die Gründe, weshalb Menschen in jungen Jahren keine Berufsausbildung abschliessen konnten, sind vielfältig. Umso dringender ist es, ihnen zu einem späteren Zeitpunkt durch die Sozialhilfe zu ermöglichen, freiwillig, gemäss ihrem Wunsch und mit der entsprechenden externen Unterstützung einen Volksschulabschluss und/oder eine Berufsausbildung nachzuholen. Dies fordern Armutsbetroffene schweizweit, denn leider finanzieren Sozialämter weder Volksschulabschlüsse noch eine berufliche Erstausbildung. Dabei würden solche grundlegende Bildungsmassnahmen nicht nur die finanzielle Unabhängigkeit, die persönliche Entwicklung und das Selbstwertgefühl Armutsbetroffener fördern, sondern auch die Kassen von Bund, Kantonen und Gemeinden entlasten. So wurden 2014 alleine im Bereich der Arbeitslosenversicherungen arbeitsmarktliche Massnahmen im Wert von 580 Millionen Franken finanziert, deren Wirksamkeit mit Blick auf die berufliche und soziale Integration Erwerbsarbeitsloser mehr als zweifelhaft ist.

Natalie Benelli

[1] Schallberger, Peter (2011). Sozialfirmen in der Schweiz. Ein Modell auch für Deutschland? Sozial Extra, 7/8, S. 21-24.