Armutsbetroffen trotz Erwerbsarbeit

BILD6Prekäre Arbeitsverhältnisse werden auf dem schweizerischen Arbeitsmarkt immer häufiger. Sie bedeuten für Betroffene meist ein Leben an den Rändern der Gesellschaft. Doch es gibt auch Widerstandsmöglichkeiten gegen diese Ausbeutung.

Seit ihrer Gründung 1994 entwickelt die IG Sozialhilfe ihre sozialpolitischen Positionen aus der alltäglichen Praxisarbeit mit Armutsbetroffenen. Das Kafi Klick mit seinen BesucherInnen und deren Lebensrealitäten ist seit mehreren Jahren ein wichtiger Bereich der IG Sozialhilfe. Unser kostenloses Internetkafi für Armutsbetroffene wird täglich von Sozialhilfeabhängigen, IV-RentnerInnen, Asylsuchenden, aber immer häufiger auch von Menschen besucht, die wohl über eine Erwerbsarbeit verfügen, wegen ihres sehr geringen Einkommens jedoch in äusserst unsicheren Verhältnissen leben müssen.

Deshalb machten wir die sogenannte prekäre Arbeit zum Thema unserer Veranstaltung anlässlich des Internationalen Menschenrechtstages am 10. Dezember 2015.

Die ReferentInnen zeigten auf, dass prekäre Arbeitsverhältnisse sehr vielfältig und immer mehr Menschen in der Schweiz und weltweit von Deregulierungsmassnahmen auf dem Arbeitsmarkt betroffen sind. Diese zeigen sich u.a. in der Form von befristeten Anstellungsverhältnissen, Temporäranstellungen, Teilzeitjobs, Arbeit auf Abruf, Kurzarbeit, unbezahlten oder schlecht bezahlten Praktika sowie einem schwachen Kündigungsschutz für Arbeitnehmende, die je nach Bedarf des Arbeitsgebers kurzfristig eingestellt und wieder entlassen werden können. Prekäre Anstellungsverhältnisse werden auf dem Arbeitsmarkt zunehmend zur Normalität. Prekäre Arbeit zeichnet sich hauptsächlich durch mangelnde Arbeitsplatzsicherheit sowie fehlende Schutzbestimmungen aus. Betroffene leben trotz Erwerbsarbeit in Armut und haben kaum Einfluss auf ihre Arbeitssituation.

Der Soziologe Pierre Bourdieu bezeichnete die Prekarisierung als „Herrschaftsform, die auf die Errichtung einer zum Dauerzustand gewordenen Unsicherheit fusst
und das Ziel hat, die Arbeitnehmenden zur Unterwerfung, zur Hinnahme ihrer Ausbeutung zu zwingen.“[1] So zeigt sich auch, dass sich Folgen prekärer Arbeitsverhältnisse bei weitem nicht auf den wirtschaftlichen Bereich beschränken, sondern dass vielmehr sämtliche Lebensbereiche davon betroffen sind oder gar völlig bestimmt werden. Es entsteht der Zwang einer Selbstrationalisierung, da Betroffene jederzeit für Arbeit zur Verfügung stehen müssen, wodurch die Grenze zwischen Erwerbsarbeits- und Nichterwerbsarbeitszeit verschwimmt. Das hat u.a. zur Folge, dass familiäre Aufgaben nicht mehr wahrgenommen werden können. Nicht nur die Einzelpersonen, sondern ihre Familie und ihr soziales Umfeld haben unter den unsicheren Arbeitsbedingungen zu leiden. Durch die sinkenden sozialstaatlichen Unterstützungsleistungen und vielerorts steigende Mieten werden prekär Arbeitende sowohl sozial als auch geografisch immer weiter aus den Zentren der Gesellschaft verdrängt.

Speziell MigrantInnen sind von dieser Art gesellschaftlicher Ausgrenzung betroffen. Für uns Anlass, zur Veranstaltung vom 10. Dezember 2015 einen aus Peru stammenden Soziologen, der seit mehreren Jahren unter schwierigsten Bedingungen in der Schweiz lebt und arbeitet, als Referenten einzuladen. Von Temporärfirmen meist für Kurzeinsätze unter Vertrag genommen, verrichtet er schwerste körperliche Arbeit im Baugewerbe. Wie ihm ergeht es nicht nur vielen BesucherInnen des Kafi Klick, sondern auch vielen MigrantInnen in der Schweiz: Oft erfüllen sie auf dem Arbeitsmarkt eine sogenannte Pufferfunktion. Bei florierender Wirtschaftslage werden sie eingestellt, fehlt es an Arbeit, werden sie wieder entlassen. Entsprechend sind sie zwei bis dreimal so häufig von Erwerbsarbeitslosigkeit betroffen wie SchweizerInnen.

Die Basler Soziologin und Aktivistin Sarah Schilliger machte in ihrem Beitrag deutlich, dass kollektiver Widerstand gegen ausbeuterische (Arbeits-)Verhältnisse nicht nur nötig, sondern auch möglich ist. So haben sich in Basel Arbeitsmigrantinnen aus Osteuropa in einer unkonventionell-selbstorganisierten Gewerkschaft zusammengeschlossen. Sie kämpfen mittels Öffentlichkeitsarbeit, Gängen vors Arbeitsgericht, Schulungen und Netzwerkarbeit erfolgreich für ihre Rechte.

Dass eine solche Selbstorganisierung von Betroffenen auch in Zürich gewünscht und vielleicht auch möglich ist, wurde in der Plenumsdiskussion klar. Auch wenn der Weg dorthin noch weit sein mag – erste Kontakte und Ideen wurden bereits ausgetauscht.

Luzian Ochsner, IG Sozialhilfe

[1] Pierre Bourdieu (1998). Prekarität ist überall, In: Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion. Konstanz: UVK, S. 98.